Villa Davignon als sicheren Ort für Gehörlose erhalten und weiterentwickeln
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Beigeordnete,
sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte,
liebe Gäste auf der Tribüne und im Livestream,
stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Raum – und können niemanden verstehen. Weil kaum jemand die eigene Sprache spricht, brauchen Sie immer einen Dolmetscher an Ihrer Seite. Für viele gehörlose Menschen ist das Alltag. Für Sie und mich ist es eine Ausnahme.
Genau deshalb gibt es Orte wie die Villa Davignon. Orte, an denen Verständigung möglich ist. Orte, an denen Barrieren nicht erklärt, sondern beseitigt sind. Und in Leipzig gibt es dafür ein Zentrum: die Villa Davignon, das Haus ohne Barrieren, in der Friedrich-Ebert-Straße im Zentrum-West.

Das Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert, entworfen von Arwed Roßbach für den Kaufmann Louis Davignon, ist heute weit mehr als ein architektonisches Denkmal. Seit der Übernahme im Erbbaurecht durch den Stadtverband der Hörgeschädigten Leipzig e. V. im Jahr 2003 und der denkmalgerechten Sanierung bis 2005 ist es Sitz des SVHGL – und ein zentraler Ort für gehörlose und hörgeschädigte Menschen in unserer Stadt.
Die Villa Davignon ist heute eines der wenigen Gebäude in Leipzig, das konsequent und alltagstauglich auf die Bedürfnisse von gehörlosen, hörgeschädigten, sehbehinderten und mobilitätseingeschränkten Menschen ausgerichtet ist. Sie ist kein Symbolprojekt, sondern gelebte Inklusion im Alltag. Sie schafft das, was für viele von uns selbstverständlich ist, für gehörlose Menschen aber nicht: sichere Verständigung, selbstbestimmte Teilhabe und echte Begegnung.
Dieser barrierearme Umbau hatte jedoch auch eine Kehrseite. Die damit verbundene Stellplatzablöse hat den Stadtverband finanziell in eine Schieflage gebracht. Als wir im vergangenen Frühjahr erfahren haben, dass dem Verein deshalb ein Insolvenzverfahren droht, war klar: Wenn wir hier nicht handeln, riskieren wir mehr als den Fortbestand eines Vereins. Wir riskieren den Verlust eines einzigartigen Ortes für die gehörlose Community – bis hin zum Heimfall der Immobilie an die LWB und dem Ende der gemeinnützigen Nutzung.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in den Gesprächen mit dem neuen Vereinsvorstand und im Austausch im Beirat für Menschen mit Behinderung wurde noch einmal sehr deutlich: Die Villa Davignon ist ein unverzichtbarer Ort in Leipzig. Sie ist Treffpunkt, Schutzraum und Begegnungszentrum zugleich: für gehörlose und hörgeschädigte Menschen, für ihre Vereine, aber auch für alle, die ihre Kultur kennenlernen möchten. Wenn wir hier von einem „Safe Space“ sprechen, dann meinen wir keinen abstrakten Begriff, sondern ganz konkret einen Ort, an dem Verständigung ohne Barrieren möglich ist – ohne Erklärungsdruck, ohne Ausgrenzung, ohne permanente Anpassung.
Der Stadtverband der Hörgeschädigten wirkt mit seiner Arbeit in viele gesellschaftliche Bereiche des städtischen Lebens hinein und leistet damit einen unverzichtbaren Beitrag zur gelebten Inklusion. Umso wichtiger ist es, die Villa Davignon als zentrale Anlaufstelle dauerhaft zu sichern.
Wir begrüßen ausdrücklich die Neuausrichtung im Vorstand und die eingeleiteten Schritte zu einer tragfähigen Zukunfts-perspektive. Gleichzeitig ist klar: Eine langfristige sozial-caritative Nutzung der Villa Davignon liegt auch im Interesse der Stadt Leipzig. Inklusion ist keine freiwillige Zusatzleistung von Vereinen – sie ist eine kommunale Verantwortung. Deshalb muss die Stadt Leipzig den SVHGL in seinen Bemühungen zur Stabilisierung unterstützen. Dies kann und muss über die LWB als Eigentümerin der Immobilie erfolgen.
Diese Verantwortung haben wir im neugefassten Antrag aufgenommen. Der Verwaltungsstandpunkt ist integriert, und der Antrag wurde in der vergangenen Woche im Beirat für Menschen mit Behinderung positiv votiert.
Und deshalb sage ich am Ende ganz klar:
Heute entscheiden wir nicht über ein Gebäude.
Wir entscheiden darüber, ob Leipzig ein Ort bleibt, in dem Inklusion mehr ist als ein politisches Schlagwort.
Wir entscheiden darüber, ob ein sicherer Ort für gehörlose Menschen geschützt wird oder verloren geht.
Mit Ihrer Zustimmung sichern Sie nicht nur ein Haus, sondern einen zentralen Bestandteil gelebter Inklusion in Leipzig.
Vielen Dank.









